23.07.2013, 12:07 Uhr

Stromnetze: Kritik an der „Bürgeranleihe“

Münster - Die „Bürgeranleihe“ in Schleswig-Holstein geht in die heiße Phase: Anwohner können sich finanziell an dem Bau einer Hochspannungsleitung beteiligen. Der Stromnetzbetreiber Tennet lockt mit einer ansehnlichen Verzinsung. Doch das Anleihemodell hat auch seine Schattenseiten.

Bürger sollen Stromleitung finanzieren

Mit der „Bürgeranleihe“ können sich Anleger an dem Bau einer 380-Kilovolt-Leitung an der Westküste Schleswig-Holsteins beteiligen – oder, genauer gesagt, an dessen Finanzierung. Insgesamt können die Anlieger entlang der Trasse bis zu 15 Prozent zu dem 210 Mio. Euro schweren Projekt zuschießen. Der Stromnetzbetreiber Tennet und die Politik erhoffen sich durch die Maßnahme in erster Linie eine höhere Akzeptanz des umstrittenen Infrastrukturprojektes: „Der Netzausbau gelingt nur, wenn wir die Menschen in der Region dabei mitnehmen“, sagte Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig zu Jahresbeginn. Auch Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) und der Umwelt-Ressortverantwortliche Peter Altmaier (CDU) rührten die Werbetrommel.

Angeblich schleppender Verkauf

Nach einem Bericht des „Spiegel“ hat Tennet bislang erst 1.500 Informationsunterlagen an Interessenten verschickt, die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ spricht von 1.750. Entlang der geplanten Trasse wurden 160.000 Haushalte durch das Unternehmen angeschrieben. Die Zeichnungsfrist läuft seit über einem Monat und endet im August. Der Netzbetreiber selbst wollte dem „Spiegel“ keine Auskunft über den tatsächlichen Absatz geben. Aus den Kommunen heiße es hingegen, der Verkauf laufe schleppend.

Fünf Prozent Rendite

Dabei bietet das voll im niederländischen Staatsbesitz befindliche Unternehmen Tennet immerhin am Anfang drei und später bis zu 5 Prozent Verzinsung – in Zeiten von Mini-Rendite bei Sparbuch & Co. erscheint der Satz durchaus attraktiv. Es handelt sich jedoch nicht um eine Beteiligung an der Trasse oder an dem Stromnetzbetreiber, sondern um einen Kredit an Tennet – nichts anderes ist eine Anleihe schließlich. Diese wird nur nachrangig bedient. Im recht unwahrscheinlichen Insolvenzfall etwa müssten sich die Zeichner der Bürgeranleihe ganz hinten anstellen, allerdings werten die Ratingagenturen die Chancen für ein Einspringen des Besitzers (niederländische Staat) als hoch. In den Niederlanden wird aber derzeit eine Teilprivatisierung des Unternehmens diskutiert, um Mittel für die Haushaltskonsolidierung freizubekommen.

Kritik an Rendite-Risiko-Profil

Kritiker monieren zudem, dass die Anleihe bei dem einzugehenden Risiko schlecht verzinst sei. Die Ratingagentur Standard & Poor’s vergab die Bonitätsnote BB+ und wertete das Papier damit als spekulative Anlage. Eine Stufe besser ist das Votum von Moody’s mit Baa3. „Die Rendite müsste bei mindestens sieben Prozent liegen, wenn nicht mehr“, sagte ein Fondsmanager nach Durchsicht des 85 Seiten starken Prospekts der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Wegen der komplizierten Struktur sei das Papier für „Privatanleger keinesfalls zu empfehlen“. Es gibt noch weitere Kritikpunkte: Die Anleihe hat keine feste Laufzeit und kann nur schwer über die Börse wieder verkauft werden. Außerdem hat Tennet das Recht, die Zinszahlung zu drücken oder ganz aufzuschieben, wenn das Geld knapp ist.

Weitere Angebote in Planung

Derweil können sind die nächsten Angebote in Planung: Erst zu Monatsbeginn hatte Rösler mit den Stromnetzbetreibern die Rahmenbedingungen für die finanzielle Bürgerbeteiligung festgezurrt. 50Hertz, Amprion und TransnetBW planen in den kommenden Monaten ähnliche Projekte. Dabei sollen die Erfahrungen aus Schleswig-Holstein „bei der Erarbeitungsphase als Anhaltspunkt dienen“.

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