29.04.2014, 16:31 Uhr

Taiwan stoppt Atomkraftwerks-Bau nach heftigen Protesten

Taipeh / Münster – In Taiwan kocht die Stimmung: Zehntausende Menschen waren am Wochenende auf den Straßen der Hauptstadt Taipeh und protestierten gegen den Bau eines weiteren Atomkraftwerks. Obwohl die Polizei Wasserwerfer gegen die Demonstranten einsetzte, zeigt der Druck der Bevölkerung Wirkung.

Am Montag verkündete Taiwans Regierung dann offiziell, dass die Bevölkerung mittels eines Referendums entscheiden soll, ob das Atomkraftwerk (AKW) fertiggebaut werden soll oder nicht. Das Land deckt derzeit rund 20 Prozent seines Strombedarfs aus Kernenergie.

Seit 2011 immer wieder Proteste gegen geplantes AKW

Taiwans Anti-Atom-Bewegung hat spätestens seit der Reaktorkatastrophe von Fukushima viel Zulauf bekommen. Die Proteste vom Wochenende mit Zehntausenden Unterstützern sind dabei nur die Spitze des Eisbergs. Bereits seit dem Super-GAU in Japan im Jahr 2011 kommt es immer wieder zu Demonstrationen gegen das Atomkraftwerk Lungmen, das im Norden der Hauptstadt entsteht. Die offizielle Ankündigung eines Referendums von Seiten des taiwanesischen Präsidenten Ma Ying-Jeou und des Premierministers Jiang Yi-huah der konservativen Regierungspartei Kuomintang (KMT) stellt nun einen Etappensieg für die Atomgegner dar. Allerdings sind die Modalitäten noch völlig unklar. Übereinstimmenden Medienberichten zufolge, haben sich die regierende KMT und die die oppositionelle Demokratische Fortschrittspartei (DPP) bisher nicht darüber einigen können.

Neues Ersatz-AKW wird in Erdbebengebiet errichtet

Taiwan betreibt derzeit drei Atomkraftwerke, die zusammen rund 20 Prozent des auf der Insel benötigten Stroms zur Verfügung stellen. Allerdings sind die Atomkraftwerke in die Jahre gekommen. Das älteste der drei AKWs ist das Kraftwerk Chinshan, das bereits Ende der 1970er Jahre ans Netz gegangen ist. Nach bisherigen Plänen soll es im Jahr 2018 aus Altersgründen abgeschaltet werden und durch ein Ersatz-AKW ausgetauscht werden. Das zweitälteste AKW Taiwans soll wenige Jahre später folgen. Das taiwanesische Wirtschaftsministerium warnt daher davor, dass die alten Meiler länger am Netz bleiben müssten, sollte das neue AKW Lungmen nicht wie vorgesehen im Jahr 2016 mit seinen beiden 1350 Megawatt Reaktoren ans Netz gehen.

Das AKW Lungmen ist bereits seit den 1980er Jahren in Planung und befindet sich seit Januar 1998 im Bau. Die Kosten des AKWs belaufen sich nach Informationen des Betreibers Taiwan Power Company, ein staatliches Energieversorgungsunternehmen, bereits auf rund 6,6 Milliarden Euro. Lungmen wird in einem erdbebengefährdeten Gebiet gebaut. Schließlich liegt Taiwan im sogenannten „Pazifischen Feuerring“, einem Vulkangürtel, der den Pazifischen Ozean umringt, und eine erhöhte seismische Aktivität aufweist.


© IWR, 2014