Energy Sharing 2026: Neues Modell für Photovoltaik-Strom und lokale Vermarktung in der Nachbarschaft startet im Juni

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Berlin - Mit dem neuen Energy Sharing-Modell schafft Deutschland einen rechtlichen Rahmen, um lokal erzeugten Ökostrom über das öffentliche Netz mit Nachbarn zu teilen. Vor allem Betreiber von Photovoltaikanlagen erhalten damit zusätzliche Vermarktungsmöglichkeiten. Zentrale Voraussetzung für das Energy Sharing sind intelligente Messsysteme (Smart Meter).
Ab Juni 2026 können Haushalte, Kommunen und kleinere Unternehmen Strom aus lokalen Erneuerbare-Energien-Anlagen gemeinschaftlich nutzen. Beim Energy Sharing wird überschüssiger Strom z. B. aus Solaranlagen bilanziell über das öffentliche Netz an Teilnehmer im selben Verteilnetzgebiet verteilt. Die Vorteile können geringere Stromkosten und höhere Eigenverbrauchsquoten umfassen. Energy Sharing betrifft vor allem klassische PV-Dachanlagen.
Energy Sharing soll lokale Strommärkte stärken
Mit der Verankerung von Energy Sharing im Energiewirtschaftsgesetz (EnWG) setzt Deutschland eine Vorgabe der europäischen Erneuerbare-Energien-Richtlinie um, die bereits seit 2018 besteht. Der Bundestag hatte das Modell im November 2025 beschlossen, im Juni 2026 tritt es offiziell in Kraft.
Die Grundidee ist einfach: Betreiber von Photovoltaik-, Wind- oder Bioenergieanlagen sollen überschüssigen Strom künftig nicht nur einspeisen, sondern direkt mit Verbrauchern in ihrer Umgebung teilen können. Der Strom wird dabei über das öffentliche Netz transportiert und bilanziell den teilnehmenden Haushalten oder Unternehmen zugeordnet.
So können nun auch Haushalte, öffentliche Einrichtungen sowie kleinere und mittlere Unternehmen ohne eigene Erneuerbare-Energien-Anlage an der Energiewende unmittelbar teilnehmen, heißt es im Hintergrundpapier der Agentur für Erneuerbare Energien (AEE).
Besonders relevant dürfte das Modell zunächst für Photovoltaik-Dachanlagen werden. Nach Angaben der AEE sind deutschlandweit mehr als fünf Millionen Solaranlagen in Betrieb, davon rund 4,5 Millionen auf Gebäuden installiert. Die meisten Dachanlagen befinden sich in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg.
Für viele Betreiber eröffnet Energy Sharing neue wirtschaftliche Optionen. Bislang war überschüssiger Solarstrom häufig auf die Einspeisevergütung angewiesen. Gerade bei älteren Anlagen, deren EEG-Vergütung ausläuft, kann das lokale Teilen von Strom eine zusätzliche Erlösoption darstellen. Zudem kann sich der Anreiz erhöhen, größere PV-Anlagen und Speicher zu installieren, weil nicht allein der Eigenverbrauch im eigenen Haushalt maßgeblich ist.
Ein weiterer Treiber sind die Solarpflichten in zahlreichen Bundesländern. Nordrhein-Westfalen etwa schreibt seit 2025 Photovoltaik auf neuen Wohngebäuden vor, weitere Regelungen betreffen Nichtwohngebäude, Dachsanierungen und Parkplätze. Die AEE sieht darin einen zusätzlichen Bedarf an Vermarktungsoptionen für Solarstrom.
Smart Meter werden zum Engpass der neuen Regelung
Technische Voraussetzung für Energy Sharing sind intelligente Messsysteme. Nur mit Smart Metern lässt sich exakt erfassen, wann Strom erzeugt, verbraucht oder zwischen Teilnehmern verteilt wird. Die Verbrauchs- und Einspeisedaten müssen dabei viertelstündlich bilanziert werden.
Hier zeigt sich jedoch ein erhebliches Infrastrukturproblem. Laut Bundesnetzagentur verfügten Ende 2025 erst 5,5 Prozent aller Haushalte über ein intelligentes Messsystem. „Fast 95 Prozent der deutschen Haushalte sind also noch nicht auf die technischen Anforderungen an Energy Sharing vorbereitet“, heißt es in der Analyse. Anders sieht es beim Pflichtrollout aus: Hier sind die Netzbetreiber bereits deutlich weiter vorangeschritten, wobei die Unterschiede zwischen den einzelnen Netzgebieten erheblich sind. Unter den großen Messstellenbetreibern liegt Stromnetz Berlin mit einer Smart-Meter-Abdeckung von 53 Prozent vorne. Einzelne kleinere Netzgebiete haben den Rollout bereits vollständig abgeschlossen - darunter die Stadtwerke Lübz in Mecklenburg-Vorpommern.
Parallel laufen in mehreren Bundesländern bereits Pilotprojekte. Im bayerischen Wunsiedel wurde mit der „WUNergy eG“ eine lokale Energy Sharing-Community aufgebaut. In Niedersachsen testet die Gemeinde Bakum gemeinsam mit Energieunternehmen und einer Genossenschaft die gemeinschaftliche Nutzung lokal erzeugter Energie. Auch Projekte in Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland untersuchen, wie regionale Stromgemeinschaften technisch und wirtschaftlich funktionieren können.
Die Erfahrungen aus diesen Modellvorhaben zeigen, dass unterschiedliche Umsetzungsmodelle erprobt werden, ohne dass daraus bereits eine flächendeckende Bewertung abgeleitet werden kann. Gleichzeitig bleibt offen, wie schnell sich das Modell in der Breite etabliert. Neben dem Smart-Meter-Rollout gelten auch regulatorische Vorgaben und Netzentgelte weiterhin als wirtschaftliche Rahmenbedingungen.
Ausblick
Mit dem Start von Energy Sharing erhält die dezentrale Energiewende in Deutschland ein neues Marktmodell. Ob daraus tatsächlich ein flächendeckender lokaler Strommarkt entsteht, wird maßgeblich vom Ausbau intelligenter Messsysteme, den regulatorischen Rahmenbedingungen und damit der Wirtschaftlichkeit für Betreiber und Verbraucher abhängen.
Quelle: IWR Online
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