23.04.2026, 08:58 Uhr

Nordsee-Offshore-Kabel: Europäische Netzbetreiber starten Kooperation für mehr Widerstandsfähigkeit kritischer Infrastruktur


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Madrid (Spanien) - Fünf europäische Übertragungsnetzbetreiber wollen die Offshore-Kabelinfrastruktur in der Nordsee gemeinsam stärken. Eine neue Initiative zielt darauf ab, Effizienz, Bezahlbarkeit und Resilienz des Stromsystems zu verbessern und die wachsende Bedeutung grenzüberschreitender Netze für die Energiewende abzusichern.

Am Rande der WindEurope in Madrid haben Übertragungsnetzbetreiber aus Belgien, Dänemark, Deutschland und den Niederlanden eine Absichtserklärung unterzeichnet. Im Fokus stehen schnellere Reparaturen, bessere Ressourcennutzung und gemeinsame Lösungen für Offshore-Kabel. Die Initiative adressiert steigende Anforderungen durch den Ausbau der Offshore-Windenergie und die zunehmende Vernetzung der Länder durch Interkonnektoren im europäischen Stromsystem.

Offshore-Kabelinfrastruktur wird zum strategischen Rückgrat der Energiewende

Mit dem beschleunigten Ausbau der Offshore-Windenergie in der Nordsee wächst die Bedeutung leistungsfähiger und zuverlässiger Kabelverbindungen auf dem Meeresboden. Diese Hochspannungssysteme transportieren große Mengen erneuerbaren Stroms von Offshore-Windparks an Land und verbinden gleichzeitig nationale Strommärkte über Interkonnektoren.

Vor diesem Hintergrund haben die Übertragungsnetzbetreiber Elia (Belgien), Energinet (Dänemark), 50Hertz (Deutschland) sowie TenneT (Deutschland und Niederlande) eine engere Zusammenarbeit vereinbart. Ziel ist es, die kritische Offshore-Kabelinfrastruktur robuster zu gestalten und Kosten sowie Ausfallrisiken und Effizienzverluste zu reduzieren.

Die Systeme gelten als technisch komplex und sicherheitsrelevant. Störungen oder längere Ausfälle können erhebliche Auswirkungen auf die Stabilität des Stromsystems haben und damit auch wirtschaftliche Folgen nach sich ziehen. Entsprechend wächst der Bedarf an abgestimmten europäischen Lösungen.

Stefan Kapferer, CEO von 50Hertz, betont die Rolle der Kooperation: „Europäische Zusammenarbeit ist der Schlüssel zum Erfolg beim Ausbau und eben auch beim Betrieb der Offshore-Infrastruktur auf der Nordsee. Daher ist es sinnvoll, mit den Übertragungsnetzbetreibern der Anrainerstaaten nicht nur Vorschläge über die technische und regulatorische Umsetzung von grenzüberschreitenden Netzanbindungen zu unterbreiten, sondern auch gemeinsam Ideen zu entwickeln, wie Kabelsysteme im Fall von Störungen, Havarien oder Sabotage möglichst schnell und kosteneffizient behoben werden können.“

Gemeinsame Standards und schnellere Reparaturen im Fokus

Kern der Absichtserklärung ist zunächst eine einjährige Phase des intensiven Wissens- und Datenaustauschs. Die beteiligten Netzbetreiber wollen ihre Erfahrungen zu Reparaturprozessen, Fehlererkennung und Ersatzteilmanagement bündeln. Ergänzend ist eine Bestandsaufnahme verfügbarer Ressourcen geplant, etwa von Spezialschiffen, Materialien und technischem Know-how.

Die Zusammenarbeit wird in vier Arbeitsgruppen organisiert: Reparaturlogistik, Ersatzteile und Ausrüstung, Fehlererkennung sowie rechtliche und finanzielle Rahmenbedingungen. Ziel ist es, skalierbare Lösungen zu identifizieren und Synergien zu heben, um Ausfallzeiten deutlich zu verkürzen.

Tim Meyerjürgens, CEO von TenneT Germany, ordnet die Initiative in einen größeren Kontext ein: „Gerade in geopolitisch herausfordernden Zeiten ist es entscheidend, kritische Infrastruktur in der Nordsee gemeinsam robuster aufzustellen. Für TenneT Germany ist das Teil einer übergeordneten Vision: Die Nordsee kann das Rückgrat eines vernetzten europäischen Energiesystems werden.“ Konkret gehe es darum, „Ausfallzeiten zu minimieren, Kosten zu senken und die Versorgungssicherheit in Deutschland nachhaltig zu stärken“.

Ausblick

Mit der Unterzeichnung der Absichtserklärung in Madrid beginnt ein Prozess, der in den kommenden Monaten konkretisiert werden soll. Zeigt die Machbarkeitsphase deutliche Vorteile einer gemeinsamen Vorgehensweise, könnte daraus eine dauerhafte und strukturierte Kooperation entstehen. Zudem bleibt die Initiative offen für weitere Übertragungsnetzbetreiber aus der Offshore TSO Collaboration, die sich zu einem späteren Zeitpunkt anschließen wollen.

Quelle: IWR Online

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