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19.01.2012, 17:18 Uhr Meldung drucken | Artikel empfehlen

Stromhilfe-Österreich: Tricksen die Versorger die Verbraucher aus?

Münster – Die angebliche Stromhilfe aus Österreich am 08.und 09.Dezember 2011 wirft immer neue Fragen auf. Nach Angaben des Übertragungsnetzbetreibers TenneT mussten in dieser Zeit österreichische Kraftwerke aus Sorge um die Netzstabilität in Deutschland aktiviert werden. Nur so konnte angeblich die Stromversorgung in Deutschland sichergestellt werden. Wegen der zeitgleich hohen Windkraftleistung im Norden entstand der Eindruck, die Netzstabilität in Deutschland wäre ohne die Hilfe aus Österreich nicht gewährleistet gewesen.

Ursache: Ausfall des AKW-Gundremmingen
Immer klarer wird, dass der Ausgangspunkt für die österreichische Stromhilfe offensichtlich in den schadhaften Brennelementen des deutschen Kernkraftwerks Gundremmingen (Block C) zu suchen ist. Der Block C mit einer Leistung von 1.344 MW musste zu dieser Zeit außerplanmäßig heruntergefahren werden, um defekte Brennelemente austauschen zu können. Um diese entstandene Leistungslücke zu decken, ist die Stromhilfe aus dem österreichischen Öl-Kraftwerk nur auf den ersten Blick plausibel. Erstaunlich ist, dass das mit rund 100 km Entfernung deutlich näher gelegene deutsche Öl-Kraftwerk Ingolstadt mit den Blöcken 3 und 4 zwar produktiv zur Netzstabilisierung zur Verfügung gestanden hätte, aber nicht eingesetzt wurde. Auch das nahe gelegene Gaskraftwerk Irsching mit dem Block 3 zählt zu den produktiven Kraftwerken, produzierte aber auch keinen Ersatzstrom. Das geht aus der für jedermann einsehbaren E.ON-Transparenzseite hervor, auf der die erzeugte elektrische Energie je Kraftwerksblock auf Tagesbasis dargestellt wird. Wäre der Hauptgrund für die österreichische Stromhilfe tatsächlich die Netzstabilität in Süddeutschland gewesen, hätte man naheliegender Weise auf die deutschen Kraftwerksblöcke zurückgegriffen und nicht u.a. auf das 500 km weit entfernte Ölkraftwerk im österreichischen Graz. Was also könnte der genaue Grund gewesen sein?

Problem: Hohe Stromlieferverpflichtungen nach Italien
Ein weiteres Detail ist für die Beurteilung der Gesamtlage wichtig: nach Angaben von Marktteilnehmern gab es zur fraglichen Zeit keine besonders hohe Stromlast in Süddeutschland, aber eine hohe deutsche Stromliefer-Verpflichtung nach Italien. Berücksichtigt man diesen Aspekt, könnte es demnach auch so gewesen sein, dass die österreichischen Kraftwerke den Ausfall des AKW-Gundremmingen, Block C, kompensieren sollten. Demnach hätten die österreichischen Kraftwerke nicht für Deutschland, sondern für den italienischen Strommarkt produziert, um die durch die unplanmäßige AKW-Abschaltung entstandene Stromlücke zu füllen.

Verdacht: Deutsche Verbraucher zahlen für Stromlieferung nach Italien
Die in dem fraglichen Zeitraum aktivierten österreichischen Kraftwerke zählen zur Kaltreserve, die im Zusammenhang mit der Energiewende für den Fall zum Einsatz kommen sollen, wenn durch die AKW-Abschaltungen Engpässe in der deutschen Stromversorgung entstehen. Kommen diese Kraftwerke zur Stabilisierung des deutschen Stromnetzes zum Einsatz, werden die anfallenden Kraftwerkskosten über die Netzentgelte auf alle Stromkunden überwälzt. Es könnte also auch so gewesen sein, dass mit der Aktivierung der österreichischen Kaltreserve ein eleganter Weg gefunden wurde, den AKW-Ausfall und die entstandenen Kompensationskosten über die Netzentgelte auf alle Stromverbraucher abzuwälzen. Hätte man ein deutsches Kraftwerk zur Stromlieferung nach Italien für den AKW-Ausfall eingesetzt, dann hätten die deutschen Versorger die Kosten auf jeden Fall selbst tragen müssen. Man darf gespannt sein, zu welchem Ergebnis die Bundesnetzagentur bei der Beurteilung dieses Falls am Ende kommt.

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