30.01.2013, 14:53 Uhr

Einsatz der „Kaltreserve“: Viel Wind um nichts?

Münster - Der gestrige Tag hat für viel Aufregung rund um die deutsche Stromversorgung gesorgt. Die Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) hatten in Erwartung einer hohen Windstromproduktion in Verbindung mit einem hohen Stromverbrauch Reservekraftwerke geordert. So gingen Prognosen in der Spitze von einer Windstromleistung von rd. 24.000 MW aus. Nach Daten der Strombörse EEX in Leipzig lag die Windenergie-Spitzenleistung am gestrigen Tag bei rd. 19.000 MW. Der gesamte Strombedarf am gestrigen Tag summierte sich zu Spitzenzeiten auf rd. 72.000 MW, wovon dann rd. 54.000 MW aus konventionellen Kraftwerken beigesteuert wurden. Heute sehen die Prognosen erneut eine hohe Windstromeinspeisung vor, wiederum wird mit 24.000 MW Windleistung in der Spitze gerechnet. Der Strom-Leistungsbedarf liegt den Prognosen zufolge bei knapp 70.000 MW.

Kaltreserve zur Netzstabilisierung

Aufgrund der Kombination aus viel Windstrom und hoher Stromnachfrage haben die ÜNB nach eigenen Angaben die Kaltreserve aktiviert. Nach Auskunft des Übertragungs-Netzbetreibers Tennet wurden neben dem deutschen Kraftwerk Staudinger 4 in Hessen auch die Kraftwerke Theiss (2 Blöcke) und Werndorf in Österreich angefahren. Diese Kapazitäten stehen den deutschen Nezbetreibern zur Verfügung, um kritische Netzsituationen zu stabilisieren. Die Kraftwerke werden nicht benötigt, weil zu wenig Strom produziert werden kann, sondern um entstehende Ungleichgewichte zwischen Einspeisung und Verbrauch im Netz auszugleichen. Deutschland verfügt nach Angaben der Bundesnetzagentur (BNetzA) über Reservekapazitäten von rd. 4.400 MW, hinzukommen noch rd. 170.000 MW (konventionell und erneuerbar), die insgesamt in Betrieb sind (Stand: 12.12.2012).

Kaltreserve ist offenbar nicht gleich Kaltreserve

Die Bundesnetzagentur listet allerdings nur die ans deutsche Netz angeschlossenen Reservekraftwerke auf. Die Anlagen, die von den ÜNB in Österreich vertraglich gesichert wurden, sind darunter nicht zu finden. Zudem ergeben sich Unterschiede bei der Definition der Kaltreserve. Nach Angaben der BNetzA umfasst die Kaltreserve in Deutschland rd. 2.700 MW. Darunter werden stillgelegte Kraftwerke gefasst, die innerhalb von sechs Monaten wieder in Betrieb genommen werden können. Daneben führt die BNetzA noch Reservekraftwerke im Umfang von rd. 1.700 MW an, die nach Angaben der Behörde nur auf Anforderung der Übertragungsnetzbetreiber (ÜNB) zur Gewährleistung der Versorgungssicherheit betrieben werden. Unter diesen Anlagen findet sich auch der Kraftwerksblock Staudinger 4 in Hessen. Die Netzbetreiber und mit ihnen ein Großteil der Medien bezeichnen diese Kapazitäten allerdings abweichend von der BNetzA als „Kaltreserve“. Demzufolge wird aktuell also nicht die Kaltreserve aktiviert, sondern Reservekraftwerke, die genau für die jetzige Netz-Situation bereitgehalten werden.

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