23.01.2019 09:55 Uhr

Jan Aengenvoort, Next Kraftwerke

Jan Aengenvoort, Next Kraftwerke:Netzprobleme und der grüne Sündenbock - Reflex und Reflexion

In der letzten Woche konnte man beobachten, wie gut die alteingeübten Reflexe der konventionellen Energiewirtschaft noch funktionieren. Was war geschehen? Es gab im Dezember vermehrte und lange nicht gekannte Probleme im deutschen Stromnetz. Zeitweise waren die Reserven der Regelenergie ausgeschöpft und weitere Notfallmaßnahmen der Übertragungsnetzbetreiber zur Stabilisierung der Stromversorgung griffen: Großverbraucher wurden über die Abschaltverordnung abgeregelt und entschädigt.

Der Reflex kam schnell und zuverlässig: Die Erneuerbaren haben’s mal wieder vermasselt. Prognosefehler! Hochnebel! Bloß kein Kohleausstieg! Zack zack zack ging das, bis in die FAZ hinein.

Nun ist es ja nicht so, dass dieser Reflex von irgendwoher kommt. Die Erneuerbaren sind inzwischen – 40% am Strommix – endgültig zu einem ernsthaften Problem für unflexible Geschäftsmodelle geworden. Und ja, gerade die günstigsten Erneuerbaren schwanken stark in ihrer Stromerzeugung. Und hier wird’s interessant: Warum eigentlich waren die Prognoseabweichungen bei PV und Wind im letzten Monat ein Problem, die Jahre zuvor aber nicht?

Mit ein bisschen Reflexion erkennt man, dass es gar nicht die Prognosefehler als solche waren, die das System geschwächt haben, sondern eine kürzlich erfolgte Änderung des Marktdesigns am Regelenergiemarkt. Die Einführung des Mischpreisverfahrens durch die Bundesnetzagentur im Oktober 2018 hat das gesamte System zum marktlichen Ausgleich von Netzschwankungen ausgehebelt.

Wohlgemerkt nicht nur auf dem Regelenergiemarkt, auch auf dem Spotmarkt, der in den letzten Jahren zunehmend die Rolle des Schwankungsausgleichs übernommen hatte. Die Folge? Alltägliche Prognoseabweichungen, unter anderem von Photovoltaik und Wind, führen viel schneller als noch vor einigen Monaten zu ernsthaften Netzproblemen.

Möchte man das System wieder stabilisieren, sollte man die richtige Ursache für die Schwankungen finden, bevor man nach einer Lösung sucht. Und da ist es eben nur ein atavistischer, hinderlicher, stumpfer Beißreflex, auf die Erneuerbaren zu zeigen. Und das ist eben etwas ganz anderes als Reflexion.

Hintergrund-Infos & Links
FAZ Artikel: Der Tag an dem der Strom knapp wurde
Jan Aengenvort Beitrag: Der grüne Sündenbock


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Quelle: IWR Online
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Themen
Mischpreisverfahren, Bundesnetzagentur, Regelenergiemarkt, Spotmarkt