07.09.2026, 09:25 Uhr

Russland baut und betreibt russisches Atomkraftwerk in der Türkei - AKW Akkuyu vor Inbetriebnahme


© AKKUYU NÜKLEER ANONİM ŞİRKETİ

Münster - Das erste Atomkraftwerk in der Türkei steht vor der Inbetriebnahme des ersten Blocks. Doch anders als die Bezeichnung als türkisches Atomkraftwerk vermuten lässt, gehört das AKW Akkuyu nicht dem türkischen Staat. Eigentümer ist der russische Staatskonzern Rosatom, der das Kernkraftwerk in der Türkei finanziert, baut und auch betreibt.

Internationale Atomgeschäfte sind weitgehend zu Staatsgeschäften geworden. Russland zeigt sich beim Export seiner Atomkraftwerke ausgesprochen flexibel. Die Modelle reichen von russischen Staatskrediten für den Bau bis zum vollständigen Engagement von Rosatom als Investor, Eigentümer und Betreiber. Dabei geht es bei diesem Geschäft nicht allein um den Wettbewerb der AKW-Exportnationen. Solche Großprojekte sind nicht selten auch Teil der wirtschaftlichen Staatsdiplomatie.

Atomkraftwerk Akkuyu: Vier russische Reaktoren mit 4.800 MW Leistung

Das Atomkraftwerk Akkuyu entsteht an der türkischen Mittelmeerküste in der Provinz Mersin. Grundlage des Projekts ist ein 2010 geschlossenes Regierungsabkommen zwischen Russland und der Türkei. Vier russische Druckwasserreaktoren vom Typ VVER-1200 werden mit jeweils 1.200 MW Leistung gebaut. Die Kosten des 4.800 MW-Projekts wurden ursprünglich mit rund 20 Milliarden US-Dollar veranschlagt. Inzwischen liegen die Schätzungen deutlich höher. Rosatom-Chef Alexej Lichatschow bezifferte die Kosten 2023 zunächst auf 23 bis 24 Milliarden US-Dollar und 2024 auf 24 bis 25 Milliarden US-Dollar. Eine endgültige Summe liegt bislang nicht vor.

Die Besonderheit liegt im Geschäftsmodell. Nach Angaben der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) wird Akkuyu nach dem Build-Own-Operate-Modell (BOO) realisiert. Die von Rosatom kontrollierte Projektgesellschaft Akkuyu Nuclear finanziert den Bau, ist Eigentümerin der Anlage und soll das Kraftwerk anschließend auch betreiben. Das türkisch-russische Regierungsabkommen schreibt vor, dass die von der russischen Seite autorisierten Unternehmen zu keinem Zeitpunkt weniger als 51 Prozent an der Projektgesellschaft halten dürfen.

Der Bau des ersten Blocks begann 2018, die weiteren Blöcke folgten 2020, 2021 und 2022. Geplant war, den ersten Block 2023, im Jahr des 100-jährigen Bestehens der türkischen Republik, in Betrieb zu nehmen. Dieser Zeitplan konnte nicht eingehalten werden. Im Juni 2026 teilte das türkische Energieministerium mit, dass bei Block 1 eine Beladung des Reaktordruckbehälters mit 163 Brennelement-Attrappen als Probe für die spätere Beladung mit echtem Kernbrennstoff erfolgt ist. Ziel der türkischen Regierung ist die erste Stromproduktion noch 2026.

Türkei garantiert Abnahme: Atomstrom aus Akkuyu kostet 12,35 US-Cent je Kilowattstunde

Die Türkei muss die Milliardeninvestition in Akkuyu nicht selbst finanzieren, die Refinanzierung des russischen Investments wird teilweise über eine langfristige staatliche Stromabnahme abgesichert.

Nach dem türkisch-russischen Regierungsabkommen garantiert die staatliche türkische Stromhandelsgesellschaft TETAS für die AKW-Blöcke 1 und 2 über jeweils 15 Jahre die Abnahme von 70 Prozent der geplanten Stromproduktion. Bei den Blöcken 3 und 4 sind es jeweils 30 Prozent. Der vertraglich vereinbarte gewichtete durchschnittliche Abnahmepreis beträgt 12,35 US-Cent je Kilowattstunde. Über alle vier gleich großen Reaktoren entspricht die garantierte Abnahme damit rechnerisch 50 Prozent der Stromproduktion.

Den nicht von der Abnahmegarantie erfassten Strom kann die Projektgesellschaft auf dem türkischen Strommarkt verkaufen. Das betrifft 30 Prozent der Produktion der ersten beiden und 70 Prozent der beiden weiteren Reaktoren. Nach Ablauf der jeweiligen 15-jährigen Abnahmeperiode kann die gesamte Stromproduktion am Markt verkauft werden. Das BOO-Modell verbindet damit die russische Finanzierung des russischen AKW-Eigentums mit einer langfristigen türkischen Abnahmegarantie für einen Teil der Stromproduktion.

Türkei baut parallel Wind- und Solarenergie massiv aus

Der Einstieg in die Atomenergie bedeutet nicht, dass die Türkei beim Ausbau der erneuerbaren Energien nachlässt. Ganz im Gegenteil: Ende Juli 2026 verfügte das Land nach Angaben des türkischen Energieministeriums über insgesamt 126.476 MW Kraftwerksleistung. Auf Solarenergie entfielen 21,7 Prozent und auf Windenergie 12,1 Prozent, mehr als 42.000 MW Wind- und Solarleistung sind installiert. Bis 2035 will die türkische Regierung die installierte Wind- und Solarleistung auf 120.000 MW erhöhen.

Beim Preis je Kilowattstunde Strom zeigt sich ein deutlicher Unterschied. Nach Angaben des türkischen Energieministeriums wurden Anfang 2026 Verträge für acht Solarprojekte der Ausschreibungsrunde YEKA GES-2025 mit insgesamt 650 MW unterzeichnet. Die Betreiber dürfen den erzeugten Strom zunächst 60 Monate am freien Markt verkaufen. Anschließend wird der Strom 20 Jahre lang zu 3,25 Euro-Cent je Kilowattstunde in das Übertragungsnetz eingespeist. Die Vertragsmodelle, Währungen und Zeiträume unterscheiden sich vom Akkuyu-Vertrag und sind daher nicht unmittelbar vergleichbar.

Die Differenz zum Abnahmepreis von durchschnittlich 12,35 US-Cent je Kilowattstunde für den vertraglich garantierten Teil der Atomstromproduktion ist dennoch erheblich.

Rückbau und Atommüll - endgültige Entsorgung noch nicht geklärt

Die russisch dominierte Projektgesellschaft Akkuyu Nuclear übernimmt auch weitere nukleare Verpflichtungen. So ist die Projektgesellschaft laut IAEA unter anderem für das Management radioaktiver Abfälle und abgebrannter Brennelemente sowie für den späteren Rückbau des Kraftwerks verantwortlich. Für das Abfallmanagement und den Rückbau sind zudem Zahlungen in entsprechende Fonds vorgesehen.

Nicht abschließend geklärt ist die langfristige Entsorgung der abgebrannten Brennelemente. Nach dem von der IAEA dokumentierten türkischen National Radioactive Waste Management Plan soll der Atommüll zunächst am Kraftwerksstandort gelagert werden.

Das russische Eigentum am Kraftwerk bedeutet somit nicht zwangsläufig, dass auch die langfristige Atommüllfrage für die Türkei gelöst ist. Eine endgültige Entsorgungslösung für die hochradioaktiven Abfälle besteht bislang noch nicht.

Internationales AKW-Geschäft unter Staaten - Russland setzt auf unterschiedliche Finanzierungsmodelle

Das Modell Akkuyu ist eine besondere Form der russischen AKW-Exportstrategie. Bei anderen AKW-Projekten tritt Rosatom dagegen nicht selbst als Eigentümer auf. Beim ungarischen Paks II beispielsweise soll die staatliche ungarische Projektgesellschaft Paks II Eigentümerin und Betreiberin der beiden neuen Reaktoren werden. Russland stellte für Planung, Bau und Inbetriebnahme einen staatlichen Kreditrahmen von 10 Milliarden Euro bereit, während Ungarn weitere bis zu 2,5 Milliarden Euro aus eigenen Mitteln finanziert.

Die Beispiele zeigen die Bandbreite: vom russischen Staatskredit für ein Kraftwerk im Eigentum des Partnerlandes bis zum Akkuyu-Modell, bei dem die russische Seite Finanzierung, Eigentum und Betrieb übernimmt. Vor allem die hohen Milliarden-Investitionssummen und langen Projektlaufzeiten machen den Bau großer Atomkraftwerke zu Projekten, bei denen Staaten und staatliche Unternehmen die eigentliche zentrale Rolle spielen.

Quelle: IWR Online

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