30.07.2014, 17:11 Uhr

Netzausbau: Gabriel rückt von Südost-Stromtrasse ab

Münster – Wieviel Netzausbau ist im Rahmen der Energiewende notwendig und wo können neue Trassen verlaufen? Das sind zwei wesentliche Fragen, die in Deutschland für reichlich Diskussionen sorgen. Mit Blick auf die geplante Gleichstrompassage Süd-Ost, eine rund 450 Kilometer lange Verbindung zwischen dem Raum Halle an der Saale (Sachsen-Anhalt) und dem Raum Augsburg (Bayern), hat sich nun sogar Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) ablehnend geäußert.

Zuvor war bereits Widerstand aus der Bevölkerung sowie aus den betroffenen Bundesländern Bayern und Thüringen geäußert worden, durch die die Trasse verlaufen würde. Gabriel erklärte nun in Nürnberg, dass der jetzige Korridor so nicht kommen werde. Denn wenn der Staat versuchen würde, das Projekt mit gesetzlichen Mitteln durchzusetzen, dann hätte man ein jahrelanges Theater und Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht.

Eine Milliarde Euro schweres Projekt

Die geplante Verbindung auf Basis der Hochspannungs-Gleichstromübertragungstechnik sollte das Übertragungsnetz von 50Hertz bei Halle an der Saale direkt mit dem Netzgebiet von Amprion im Raum Augsburg verbinden. Die Notwendigkeit der Gleichstrompassage Süd-Ost wurde 2012 im Netzentwicklungsplan als "Korridor D" (Lauchstädt-Meitingen) dargestellt und mit der Verabschiedung des Bundesbedarfsplans gesetzlich verankert. Es ist vorgesehen, dass der Netzbetreiber 50Hertz das Projekt von Lauchstädt bis zur bayerischen Landesgrenze verantwortet, Amprion ist für den bayerischen Abschnitt zuständig. Die Investitionskosten liegen bei über einer Milliarde Euro.

Alte Trasse tot, es lebe die neue Trasse

Eigentlich hat Wirtschaftsminister Gabriel den Netzausbau bislang immer forciert. Daher kommt die nun geäußerte Ablehnung überraschend. Professor Markus Bieswanger, Vorsitzender der Bürgerinitiative "Pegnitz unter Strom" befürchtet, dass man zwar von der alten Trasse abrückt, aber auf eine alternative Route setzt. Er sagte gegenüber dem Bayerischen Rundfunk, dass eine andere Trasse unter neuem Namen präsentiert werden könnte nach dem Motto: "Die alte Trasse ist tot, es lebe die neue Trasse." Seine Initiative befürchtet, dass diese Stromverbindung vor allem dem Import-Strom aus Nachbarländern dienen soll, z.B. auch Atomstrom aus Russland. Dafür soll die Heimat nicht zerstört werden, so Bieswanger. Auch die bayerische Regierung hat sich mehrfach gegen die umstrittenen Netzausbauprojekte ausgesprochen.

Netzausbau bedeutet nicht in jedem Fall neue Trassen auf der grünen Wiese

Grundsätzlich ist bei dem heiß diskutierten Netzausbau in Deutschland zwischen dem Neubau von Leitungen in neuen Trassen, dem Leitungs-Neubau in alten, bereits vorhandenen Trassen und dem Ausbau bzw. der Optimierung von bestehenden Leitungen in vorhandenen Stromtrassen zu unterscheiden werden. Das bedeutet, dass nicht jede geplante Netzausbau-Maßnahme gleich eine neue Stromtrasse auf der „grünen Wiese“ sein muss. Insgesamt gilt, dass bei den derzeit in Deutschland diskutierten und geplanten Projekten bei weniger als der Hälfte der Verbindungslängen ein kompletter Trassenneubau vorgesehen ist. Dass alle Strecken, die zunächst als Neubau-Trasse geplant sind, auch als Neubau umgesetzt werden, ist nach Einschätzung von Experten sehr unwahrscheinlich.


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