25.04.2012, 12:57 Uhr

Warum Deutschland eine Ökostrom-Börse braucht

Münster – Im letzten Jahr wurden in Deutschland bereits über 120 Milliarden Kilowattstunden (Mrd. kWh) Strom aus erneuerbaren Energien produziert. Damit haben die regenerativen Energien im letzten Jahr erstmals die Stromerzeugung aus Atomenergie (108 Mrd. kWh) überholt. Der Anteil des umweltfreundlichen Stroms an der deutschen Stromerzeugung steigt bis 2020 voraussichtlich von derzeit rd. 20 Prozent auf über 30 Prozent an. Im Zuge der zunehmenden Bedeutung der Erzeugung von Ökostrom fehlt es auf der anderen Seite aber bisher an einer geeigneten Plattform und an einem Gesamtkonzept für die Vermarktung von "grünem" Strom.

Wie "grüner" Ökostrom an der Börse zu "grauem" Billigstrom umetikettiert wird

Der von den Betreibern regenerativer Anlagen (Wind, Solar, Bioenergie, Wasserkraft, etc.) auf der Grundlage des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) erzeugte Strom wird von den Stromnetzbetreibern aufgekauft, umetikettiert und als "grauer" Strom wie Atom- oder Kohlestrom an der Börse verkauft. Weil immer mehr Ökostrom an der Börse als "grauer" Strom verkauft wird, sinken die Börsenstrompreise für die Stromeinkäufer und -händler kräftig. Während der französische Strom seit Jahresbeginn um sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen ist, sind die Strom-Börsenpreise in Deutschand in den ersten drei Monaten trotz AKW-Ausstieg um über 12 Prozent gesunken. Den Schaden haben die Stromverbraucher, denn sie zahlen die Differenz zwischen dem niedrigem deutschen Börsenpreis und dem Vergütungspreis für den Betreiber regenerativer Anlagen. Je niedriger der Börsenpreis, umso höher sind die Differenzkosten, d.h. umso höher die EEG-Umlage für die Verbraucher. Da hilft auch am Ende keine Solarkürzung, denn der Kürzungseffekt bei den Solar-Neuanlagen wird durch die stärker sinkenden Börsenpreise überkompensiert.

Stromversorger kaufen Ökostrom-Zertifikate aus dem Ausland

Von den im Jahr 2011 in Deutschland produzierten 120 Mrd. kWh Ökostrom steht der gesamte EEG-Anteil (über 90 Mrd. kWh), der an der Börse als "grauer" Strom verkauft wird, als "grüner" Strom nicht mehr zur Verfügung. Offiziell gibt es diesen grünen Strom nicht mehr. Damit die vielen Stromversorger in Deutschland aber eigene Ökostromprodukte anbieten können, müssen sie in eigene Projekte investieren oder sie kaufen mangels Alternativen beispielsweise Ökostrom-Zertifikate aus dem Ausland. Beim Wasserkraft-Strom aus Österreich oder Norwegen wird dann anteilig nur der zusätzliche "grüne" Umweltnutzen gekauft und dieser dem deutschen Kunden als Ökostrom angeboten. Eine physikalische Stromlieferung erfolgt nicht. Das führt zu der paradoxen Situation, dass ein norwegischer Stromverbraucher denkt, er bezieht Wasserkraftstrom. Tatsächlich bezieht er zwar Strom aus einer Wasserkraftanlage, aber ohne den "grünen" Umweltnutzen. Der deutsche Kunde bezieht zwar Strom aus heimischen Quellen, hat aber über den norwegischen "grünen" Umweltnutzen jetzt Ökostrom.

Die Bundespolitik beschäftigt sich aktuell und einseitig vor allem mit der Erzeugung von Ökostrom und vernachlässigt die Verbraucher- und Kundenseite sowie die Vermarktung von Ökostrom. "Wir brauchen einen besseren Schutz der Verbraucher, die Ökostrom beziehen, mehr Transparenz bei den Ökostromprodukten und einen eigenen Börsen-Marktplatz, an dem der Ökostrom gehandelt werden kann", sagte IWR-Direktor Dr. Norbert Allnoch in Münster.

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