14.10.2014, 11:12 Uhr

Ende der Wüstenstrom-Idee? Desertec-Gesellschaft zerbricht

Rom – Regenerativen Strom aus Windenergie- und Solaranlagen in den sonnenreichen Wüsten Nordafrikas erzeugen und auch für Europa nutzbar machen. Diese faszinierende Idee hatte unter dem Namen Desertec auch zahlreiche Großkonzerne in Deutschland begeistert. Doch inzwischen ist diese Begeisterung verflogen, gestern haben die Unterstützer in Rom eine Entscheidung getroffen.

Wie schon von vielen Experten prognostiziert, wird das Desertec–Project in seiner jetzigen Form nicht weiter existieren. Das haben die 17 Gesellschafter der Desertec Industrieinitiative (Dii) GmbH am gestrigen Montagabend in Rom auf einer Gesellschafterversammlung entschieden. Laut Süddeutsche Zeitung war die Mehrheit der Gesellschafter nicht bereit, das befristete Engagement für Desertec in ein langfristiges umzuwandeln und die damit verbundene Finanzierung zu leisten. Die Zentrale in München soll demnach Ende 2014 schließen.

Nur drei bleiben übrig – neue Ausrichtung

„Dii soll mit neuer Ausrichtung weitergeführt werden und sich in erster Linie auf Dienstleistungen für ihre Gesellschafter konzentrieren, die im Nahen Osten und Nordafrika zu konkreten Projektaktivitäten beitragen und deren Verwirklichung erleichtern“, heißt es in einer offiziellen Stellungnahme der Dii GmbH. Die neue Ausrichtung beinhaltet den Umbau der Dii GmbH in ein Beratungsunternehmen zur Vermittlung der in den letzten Jahren aufgebauten Expertise. Drei Gesellschafter bleiben Desertec treu und wollen das Unternehmen fortführen. Dazu zählen RWE, die saudische Energiefirma Acwa Power und die chinesische Firma State Grid.

Van Son: Dii hat bereits gewirkt

Noch-Geschäftsführer Paul van Son: „Erneuerbare Energien haben beim Start von Dii vor fünf Jahren im Nahen Osten und Nordafrika kaum eine Rolle gespielt. Das ist heute völlig anders. Rund 70 Projekte sind inzwischen realisiert oder in der Umsetzung. Dii hat in dieser Zeit tatkräftig mit Überzeugungsarbeit, Grundlagenstudien und konkreten Länderstrategien geholfen. Diese Phase ist jetzt abgeschlossen und Dii stellt sich auf veränderte Anforderungen ein.“

Bereits seit September ist klar, dass van Son selbst zum Ende des Jahres aus der Gesellschaft ausscheidet. Er wechselt zu RWE. Wie es in der Erklärung zum Wechsel von van Son im heißt, bleibe er „der Wüstenstromidee weiter eng verbunden und wird für RWE in einer leitenden Position von Dubai aus in der Mena-Region unter anderem das Geschäft mit erneuerbaren Energien und Energieeffizienz voranbringen.“

Konzerne verlassen Wüstenstrom-Projekt schon länger

Im Jahre 2009 wurde die Dii GmbH gegründet. Diese war zunächst ein Zusammenschluss aus der Desertec Foundation, Gesellschaftern und assoziierten Partnern. Mit dabei waren bzw. sind auch eine Reihe deutscher Unternehmen wie die Deutsche Bank, E.ON, Munich RE, Bosch, E.ON oder RWE. Die Mission der Dii besteht darin, einen Markt für Strom aus Solar- und Windenergie der Wüstenregionen für den lokalen Bedarf im Nahen Osten, in Nordafrika und langfristig für auch den Export nach Europa auf den Weg zu bringen, heißt es auf der Internetseite der Dii GmbH. Im Jahr 2013 kündigte jedoch die Desertec Foundation ihre Mitgliedschaft bei der Dii GmbH aufgrund von unüberbrückbaren Meinungsverschiedenheiten. Große Gesellschafter wie Bosch, Siemens oder Bilfinger sind im Laufe der Zeit ebenfalls aus dem Projekt ausgeschieden. Auch E.ON hatte bereits angekündigt an, Ende 2014 aus dem Projekt auszusteigen.

Desertec Foundation: Wüstenstrom-Projekt nicht beendet

Für die Desertec Foundation ist das Wüstenstrom-Projekt jedenfalls noch nicht beendet. Die Foundation begrüßt, dass es entgegen einiger Medienberichte nicht zur Abwicklung der Dii GmbH komme und dankt den Unternehmen für das Engagement der letzten fünf Jahre. "Die Realisierung der Desertec-Vision zur Beschleunigung der Energiewende ist noch lange nicht erfüllt. Diese steht weltweit noch am Anfang", heißt es in einem Statement der Desertec Foundation. Diese arbeite auch in weiteren Regionen der Welt daran, dort ebenfalls auf das Energiepotential der Wüsten aufmerksam zu machen und die Realisierung auf politischer Ebene zu begleiten, beispielsweise in Chile und Ägypten.


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