07.09.2026, 14:34 Uhr

Bund zahlt Milliarden für niedrigere Strom-Netzentgelte - teure Bürger-Akzeptanz bei Erdkabeln aus 2015 wirkt bis heute nach


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Berlin - Die Bundesregierung will die Stromkunden auch in den Jahren 2027 bis 2029 mit Milliardenzuschüssen zu den Kosten der Übertragungsnetze entlasten. Dabei geht es um die großen Höchstspannungsleitungen, die Strom über weite Entfernungen zwischen den Erzeugungs- und Verbrauchsregionen Deutschlands transportieren - nicht um die regionalen Verteilnetze.

Das Bundeskabinett hat am 2. September 2026 einen Gesetzentwurf beschlossen, der für die vier Übertragungsnetzbetreiber einen Zuschuss von jährlich 5,525 Mrd. Euro vorsieht. Ein Teil der hohen Übertragungsnetzkosten geht nach den Bürgerprotesten auf den 2015 beschlossenen Vorrang der Erdverkabelung für die großen Gleichstromtrassen zurück. Entlastung bei den Kosten des Engpassmanagements verspricht die schrittweise Inbetriebnahme von vier großen Stromverbindungen bis 2028.

Bund übernimmt bis 2029 einen Teil der Übertragungsnetzkosten

Mit dem Gesetzentwurf wird der Zuschuss zu den Übertragungsnetzkosten über das Jahr 2026 hinaus verlängert. Für die Jahre 2027 bis 2029 sind jährlich 5,525 Mrd. Euro vorgesehen, insgesamt damit bis zu 16,575 Mrd. Euro.

Der Zuschuss wird bei der Kalkulation der bundeseinheitlichen Übertragungsnetzentgelte von den zu finanzierenden Netzkosten abgezogen und wirkt über die nachgelagerten Verteilernetze auch auf Haushalte sowie Gewerbe- und Industriekunden. Für 2026 verweist die Bundesregierung auf Stichproben, nach denen die Netzentgelte für Haushaltskunden im Durchschnitt um rund 2 Cent je kWh gesunken sind. Diese Entlastung führt sie im Wesentlichen auf den diesjährigen Bundeszuschuss von 6,5 Mrd. Euro zurück.

Für 2027 sind die 5,525 Mrd. Euro bereits im Regierungsentwurf des KTF-Wirtschaftsplans (KTF = Klima- und Transformationsfonds) vorgesehen. Für 2028 und 2029 sollen die Mittel in den jeweiligen Haushaltsverfahren vorrangig berücksichtigt werden. Sollten dafür weniger Mittel zur Verfügung stehen, müsste der gesetzlich vorgesehene Zuschuss nach der Gesetzesbegründung entsprechend angepasst werden.

Freileitungen versus Erdkabel: Teure Bürger-Akzeptanz 2015 - warum die Rechnung erst jetzt kommt

Die großen Nord-Süd-Stromverbindungen gehen auf die Neuordnung der Netzplanung nach den Energiewende- und Atomausstiegsbeschlüssen von 2011 durch CDU/CSU und FDP zurück. Im ersten Netzentwicklungsplan Strom von 2012 wurden große Gleichstromkorridore mit Planungshorizont 2022 vorgesehen.

SuedLink sollte ursprünglich als Freileitung gebaut werden und ab 2022 Windstrom von Norddeutschland nach Bayern und Baden-Württemberg transportieren. Damit sollte SuedLink in dem Jahr zur Verfügung stehen, für das der 2011 beschlossene gesetzlich festgeschriebene Atomausstieg die Abschaltung der letzten deutschen Atomkraftwerke vorsah.

Gegen die geplanten Freileitungen formierte sich allerdings erheblicher Bürgerwiderstand. Besonders in Bayern wurden die neuen Nord-Süd-Trassen politisch zum Konfliktthema. Der damalige bayerische CSU-Ministerpräsident Horst Seehofer griff den Widerstand auf und stellte den bisherigen Freileitungsverlauf infrage. Im energiepolitischen Kompromiss vom Juli 2015 setzte Bayern schließlich durch, dass bei neuen Gleichstromtrassen Erdkabel Vorrang gegenüber Freileitungen erhalten. Ende 2015 wurde der Erdkabelvorrang gesetzlich verankert.

Dass die höhere Akzeptanz erhebliche Mehrkosten verursachen würde, war bekannt. In der Bundestagsanhörung im Oktober 2015 bezifferte der Netzbetreiber Amprion die Investitionskosten für Gleichstrom-Erdkabel auf das Drei- bis Achtfache einer vergleichbaren Freileitung. Tennet rechnete für SuedLink bei einem Erdkabelanteil von 90 Prozent mit 8 bis 9 Mrd. Euro gegenüber rund 3 Mrd. Euro bei einer Freileitung.

Auch zeitlich hatte die Umstellung Folgen. Tennet warnte 2015, dass die notwendige Neuplanung für die Erdverkabelung zu einer Verzögerung von drei Jahren führen könne. SuedLink, ursprünglich für 2022 angekündigt, soll nun Ende 2028 in Betrieb gehen.

Damit zeigt sich heute die finanzielle Kehrseite der damaligen Akzeptanzdebatte. Der Bürgerwiderstand gegen Freileitungen war ein wesentlicher Auslöser für den politischen Wechsel zur erheblich teureren Erdverkabelung und trug zur zeitlichen Verschiebung bei. Die dadurch entstandenen Mehrkosten müssen finanziert werden, entweder über die Netzentgelte der Stromverbraucher oder, wie mit den aktuellen Bundeszuschüssen, zunehmend über staatliche Mittel.

Vier große Stromverbindungen gehen bis 2028 ans Netz - Kosten sollen sinken

Neben den Investitionen in den Netzausbau belasten Netzengpässe die Stromkunden. Reichen die Leitungskapazitäten insbesondere von Norden nach Süden nicht aus, müssen Netzbetreiber über Redispatch in die Stromerzeugung eingreifen. Nach Angaben der Bundesnetzagentur beliefen sich die Redispatch-Kosten einschließlich der Vorhaltekosten für Reservekraftwerke 2025 auf rund 3,1 Mrd. Euro.

Der fortschreitende Netzausbau kann diese Kosten reduzieren. Für den Winter 2025/2026 prognostizierte die Bundesnetzagentur bereits einen Rückgang der Redispatch-Menge um rund 30 Prozent von etwa 25 TWh auf 17 TWh. Als Grund nennt die Behörde neben methodischen Änderungen insbesondere Fortschritte beim Netzausbau.

Weitere Übertragungskapazitäten kommen nun schrittweise hinzu. Die Gleichstromprojekte Ultranet, A-Nord, SuedOstLink und SuedLink befinden sich im Bau und sollen bis Ende 2028 in Betrieb gehen. Ultranet mit 2.000 MW soll noch 2026 starten. A-Nord mit ebenfalls 2.000 MW soll Mitte 2027 folgen, SuedOstLink mit zunächst 2.000 MW Ende 2027. Mit SuedLink und seinen beiden Gleichstromverbindungen mit jeweils 2.000 MW soll Ende 2028 die vierte große Verbindung ihren Betrieb aufnehmen. Beim SuedOstLink sollen mit SuedOstLink+ 2030 weitere 2.000 MW hinzukommen.

Mit den neuen Leitungen steigt die Übertragungskapazität zwischen den Erzeugungsschwerpunkten im Norden und Osten und den Verbrauchszentren im Süden und Westen. Dadurch können Netzengpässe und der Bedarf an Redispatch reduziert werden. In welchem Umfang die Kosten tatsächlich sinken, hängt neben dem weiteren Netzausbau auch von der Entwicklung der Stromerzeugung und des Stromverbrauchs ab.

Bild: Trassenverlauf zentraler Netzausbauvorhaben in Deutschland © IWR/BNetzA

Quelle: IWR Online

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