27.10.2026, 09:50 Uhr

Dekarbonisierung der Industrie: Tennet nimmt neue 380-kV-Leitung für CO2-armen Stahl in Salzgitter in Betrieb


© Tennet

Salzgitter - Der Übertragungsnetzbetreiber Tennet Germany hat eine neue 380-kV-Industrieleitung für den Stahlstandort Salzgitter in Betrieb genommen. Die rund elf Kilometer lange Höchstspannungsleitung schafft zusätzliche Netzkapazitäten für die Dekarbonisierung der Stahlproduktion und stärkt zugleich die regionale Stromversorgung.

Die Transformation energieintensiver Industriezweige stellt neue Anforderungen an die Stromnetze. Insbesondere die Umstellung der Stahlproduktion auf strombasierte Verfahren erfordert zusätzliche Netzkapazitäten. Neben dem Ausbau der überregionalen Stromtransportnetze gewinnt deshalb auch die leistungsfähige Anbindung großer Industriestandorte an Bedeutung.

Industrieleitung Salzgitter: 380-kV-Netzanschluss in fünfeinhalb Jahren realisiert

Die neue Industrieleitung von Tennet verbindet die Schaltanlage Liedingen mit dem Umspannwerk Bleckenstedt/Süd über eine 380-kV-Freileitung. Nach Angaben von Tennet hätte das bestehende 220-kV-Netz den absehbar steigenden Strombedarf langfristig nicht mehr decken können.

Die Planungen für die neue Leitung begannen im Mai 2021, der Bau der Umspannwerke im September 2023 und der Freileitung im April 2024. Der Planfeststellungsbeschluss wurde im Februar 2024 erteilt. Bis zur Inbetriebnahme im Oktober 2026 vergingen insgesamt rund fünfeinhalb Jahre. Tennet führt die vergleichsweise kurze Realisierungsdauer auf die gute Zusammenarbeit von Netzbetreibern, Industrie, Behörden und Politik zurück.

Tennet-CEO Tim Meyerjürgens sieht darin ein Beispiel für beschleunigten Netzausbau. „Dieses Tempo, verlässliche Rahmenbedingungen und der gemeinsame Wille, Projekte voranzubringen, müssen auch für andere wichtige Infrastrukturvorhaben in Deutschland zum Maßstab werden“, erklärte Meyerjürgens.

Die neue Leitung ist Teil der rund 100 Kilometer langen Ostfalen-Achse zwischen Mehrum bei Peine und der Landesgrenze zu Sachsen-Anhalt. Der Abschnitt Liedingen-Bleckenstedt/Süd wurde im Netzentwicklungsplan wegen des steigenden Strombedarfs der regionalen Stahl- und Batterieproduktion gegenüber anderen Netzmaßnahmen für eine vorgezogene Realisierung vorgesehen. Die übrigen Abschnitte befinden sich noch in Planung oder Genehmigung.

Am Umspannwerk Bleckenstedt/Süd wird das Höchstspannungsnetz von Tennet mit dem regionalen Verteilnetz von Avacon verbunden. Damit dient die zusätzliche Infrastruktur auch der regionalen Stromversorgung.

SALCOS: Stahlproduktion soll ab 2027 mit neuen Anlagen CO2-ärmer werden

Die neue Stromanbindung ist insbesondere für das Transformationsprogramm SALCOS der Salzgitter AG von Bedeutung. Der Stahlkonzern stellt seine bisher kohlebasierte Produktion schrittweise auf CO2-ärmere Verfahren um. Eine zentrale Rolle spielen dabei die Direktreduktion von Eisenerz und die Weiterverarbeitung des Eisenschwamms in Elektrolichtbogenöfen.

Die erste SALCOS-Ausbaustufe soll nach Unternehmensangaben im ersten Halbjahr 2027 die Produktion aufnehmen. Der ursprünglich für Ende 2025 vorgesehene Produktionsstart wurde mehrfach verschoben. Die neue Industrieleitung steht damit bereits vor der geplanten Inbetriebnahme der Produktionsanlagen zur Verfügung.

Mit der Umstellung verändert sich die Energieversorgung des Stahlwerks grundlegend. Während die Direktreduktion zunächst auch Erdgas einsetzen kann, benötigt der Elektrolichtbogenofen große Mengen elektrischer Energie. Nach Angaben aus dem Geschäftsbericht 2025 erwartet Salzgitter für 2028 einen zusätzlichen Strombedarf von rund 2 TWh jährlich.

Neben ausreichenden Netzkapazitäten benötigt der Konzern große Mengen CO2-armen Stroms. Dafür setzt Salzgitter unter anderem auf langfristige Stromlieferverträge mit Energieunternehmen.

Industrielle Elektrifizierung erhöht Anforderungen an den Stromnetzausbau

Die Elektrifizierung industrieller Prozesse und der Ersatz fossiler Energieträger verändern die regionale Verteilung der Stromnachfrage. Damit steigen sowohl die Anforderungen an überregionale Transportnetze als auch an die Anschlusskapazitäten großer Industriestandorte.

Die von der Bundesnetzagentur genehmigten Szenarien der Übertragungsnetzbetreiber verdeutlichen die Größenordnung des möglichen zusätzlichen Strombedarfs. Im Szenariorahmen 2025-2037/2045 wird für 2037 ein industrieller Stromverbrauch von 256,0 bis 295,1 TWh angenommen. Für 2045 reicht die Spanne von 260,0 bis 354,5 TWh.

Nach Angaben des Umweltbundesamtes lag der industrielle Stromverbrauch 2024 bei rund 186 TWh. Die Werte sind aufgrund unterschiedlicher statistischer Abgrenzungen nur eingeschränkt vergleichbar. Die Szenarien beschreiben mögliche Entwicklungen, keine verbindlichen Verbrauchsprognosen.

Salzgitter verdeutlicht die Bedeutung der zeitlichen Abstimmung von industrieller Transformation und Netzausbau: Die zusätzliche Netzkapazität steht vor dem geplanten Produktionsstart bereit. Die vergleichsweise kurze Realisierungsdauer des vorgezogenen, rund elf Kilometer langen Abschnitts lässt sich allerdings nicht ohne Weiteres auf größere Netzausbauvorhaben übertragen.

Quelle: IWR Online

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