16.02.2012, 11:22 Uhr

Verdacht: Gefälschte Lastprognosen gefährden Stromversorgung - BNetzA-Schreiben an Stromhändler

Münster, Bonn - Möglicherweise haben gefälschte Lastprognosen und gefährliche Handelsgeschäfte mit Strom die Elektrizitätsversorgung an den Rand eines Zusammenbruchs getrieben. Wie die Bundesnetzagentur (BNetzA) gegenüber dem IWR bestätigte, hat sich die Aufsichtsbehörde in einem Schreiben an die verantwortlichen Stromhändler gewendet, weil es zu besorgniserregenden Defiziten im Stromnetz gekommen war. In dem Brief heißt laut Berliner Zeitung, dass es im deutschen Stromnetz seit dem 6. Februar zu verschiedenen Zeiten zu erheblichen Unterdeckungen gekommen war. Deshalb wäre im Störungsfall teilweise keine Regelleistung mehr verfügbar gewesen. Die Regelleistung wird im Strommarkt eingesetzt, um im Falle eines unvorhergesehenen Ausfalls innerhalb von Sekunden Ausgleich zu schaffen.

Vorsätzliche Prognosefehler für günstigere Strombeschaffung?

Die nun in der Kritik stehenden Stromhändler sind grundsätzlich verpflichtet, stets so viel Strom aus Kraftwerken einzukaufen, wie ihre Kunden verbrauchen. Der Verbrauch wird dabei mittels Lastprognosen antizipiert. Doch laut Bundesnetzagentur haben die Stromhändler durch "Lastprognosefehler" fast die gesamte zur Verfügung stehende Regelleistung in Anspruch genommen. Brancheninsider berichteten der Zeitung zufolge, dass diese Lastprognosefehler offenbar vorsätzlich gemacht worden seien, um den zu bestimmten Zeiten teureren Stromeinkauf an der Strombörse zu vermeiden. Die Preise an der Strombörse EPEX in Paris waren am 6. und 7. Februar, als u.a. auch die sog. Kaltreserve abgerufen worden ist, zeitweise stark angestiegen.

Hohe Stromnachfrage aus Frankreich

Die Strompreise waren Anfang Februar u.a. deshalb derart ausgeschlagen, weil durch die kalte Witterung die Nachfrage nach Strom in Frankreich auf ein neues Rekordniveau gestiegen ist. Am 09.02.2012 musste für französischen Strom 1938 Euro pro MWh (knapp 2 Euro pro kWh) bezahlt werden. In Frankreich wird vielfach mit Strom geheizt, die Häuser sind zudem oft schlecht isoliert. Der Leistungsbedarf an das Übertragungsnetz war zu der Zeit fast doppelt so hoch wie in Deutschland. So war Frankreich im Zeitraum zwischen dem 07. und dem 10.02.2012 auf die Stromhilfe aller seiner Nachbarländer angewiesen und muss trotz der hohen Zahl an Atomkraftwerken in jeder Stunde Strom importieren. Auch Deutschland lieferte in dieser Zeit permanent Strom ins Nachbarland.

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